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Shirin Davids Abrechnung mit der Netflixdoku

Zu viele Tränen, zu wenig Triumph? Die Rapperin wütet gegen ihr Porträt auf Netflix

Wer das Phänomen Shirin David verstehen will, muss sich die deutsche Poplandschaft der letzten Jahre wie eine riesige Baustelle vorstellen, auf der fast alle nach Bauchgefühl arbeiten. Und mittendrin steht eine junge Frau mit millimetergenauem Bauplan, eigener Ästhetik und dem unbedingten Willen, jedes noch so kleine Detail selbst zu bestimmen. Vom Beat bis zum Lippenstift überlässt die Berlinerin absolut nichts dem Zufall.

Genau diese Perfektion war ihr Erfolgsgeheimnis. Umso größer war die Neugier, als die Rapperin die Türen für den Streaminggiganten Netflix öffnete. Unter dem Titel „Barbara: Becoming Shirin David“ sollte der Vorhang fallen. Fünf Monate nach der Premiere herrscht allerdings dicke Luft. In einer Fragerunde auf Instagram rechnete Shirin David nun öffentlich mit dem Werk ab und sprach von einer verzerrten Darstellung.

 

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Zwischen Tränenquote und echter Anerkennung

Der Kern ihrer Kritik trifft einen wunden Punkt, den wir in den Medien viel zu oft beobachten. Die Doku sei an den Haaren herbeigezogen und zeichne die Leidensgeschichte einer angeblich völlig überforderten Frau, statt ihren harten Weg an die Spitze und ihre beispiellose Disziplin zu würdigen. Shirin David moniert, man habe sich fast schon genüsslich auf Zweifel und emotionale Tiefpunkte konzentriert, während Männer in vergleichbaren Formaten für die Hälfte ihrer Leistung als Helden inszeniert würden.

Der Verweis auf das Netflixporträt über Rapper Haftbefehl drängt sich tatsächlich auf. Dort kamen Branchengrößen zu Wort, um den Künstler zum unantastbaren Genie zu erklären. Bei Shirin David dominierten stattdessen Szenen innerer Zerrissenheit. Dass ihr Auftritt bei Wetten dass oder die Bilder aus der ausverkauften Schleyer-Halle in Stuttgart im Schnitt fehlten, verstärkt ihren Eindruck, man habe ihren realen Triumph bewusst klein gehalten.

Die unbequeme Wahrheit des Dokumentarfilms

So nachvollziehbar dieser Frust über das ewige Klischee der leidenden Frau im Musikbusiness auch ist: Zur Wahrheit gehört eben auch die andere Seite der Medaille. Eine echte Dokumentation ist kein verlängerter Werbeclip und kein hochglänzender Imagefilm für den eigenen Onlineshop. Wenn Kameras über Monate hinweg einen Menschen begleiten, fangen sie unweigerlich Momente ein, die nicht ins sorgsam gepflegte Marketingkonzept passen.

Netflix reagierte auf die Vorwürfe denkbar nüchtern und verwies darauf, dass man schlicht jene Geschichten erzähle, die durch den gewährten Zugang der Künstler entstehen. Mit anderen Worten: Die Tränen, der Druck und die Überforderung waren keine Erfindung des Regisseurs, sondern reale Momente hinter den Kulissen. Wer ein ungeschöntes Porträt verspricht, kann sich im Nachhinein schwer darüber beschweren, wenn das Ergebnis tatsächlich ungeschönt wirkt.

Wenn Kontrollwahn auf Realität trifft

Das eigentliche Drama hinter der Fehde liegt in einer klassischen Fehlkalkulation. Shirin David hatte vor den Dreharbeiten ganz bewusst ihre Schnittrechte abgegeben. Sie wollte die Glaubwürdigkeit eines echten, unabhängigen Dokumentarfilms, der sich wohltuend von den weichgespülten Vlogs anderer Internetstars abhebt. Doch diesen Respekt bekommt man im Journalismus selten geschenkt, ohne die Kontrolle über die eigene Erzählung komplett aus der Hand zu geben. Als sie merkte, dass der Regisseur eine ganz andere Geschichte sah als sie selbst, war es zu spät. Selbst der Versuch, das fertige Material zurückzukaufen, scheiterte an den Verträgen mit dem Medienkonzern.