Er ist laut, schrill und bringt in der Regel mehr Glitzer auf die Waage als eine durchschnittliche Karnevalsgesellschaft. Ross Antony gehört zu jener seltenen Spezies im Showgeschäft, die das Publikum nicht durch unnahbare Perfektion, sondern durch absolute, ungefilterte Persönlichkeit an sich binden. Wer den 1974 im englischen Bridgnorth als Ross Anthony Catterall geborenen Entertainer heute in maßgeschneiderten, neongelben Anzügen über die Schlagerbühnen wirbeln sieht, vergisst schnell, dass dieser Karriereweg für ihn alles andere als ein vorhersehbarer Spaziergang war. Es ist die facettenreiche Geschichte eines Mannes, der das Wort „Neuerfindung“ über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg auf ein völlig neues Level gehoben hat.
Die musikalischen Wurzeln und der Sprung nach Deutschland
Den Grundstein für das Rampenlicht legte er als Spross einer Künstlerfamilie, der schon mit drei Jahren auf der Bühne stand, mit einer fundierten Musicalausbildung. 1995 schloss Ross Antony die renommierte Guildford School of Acting for Music, Dance and Drama mit Diplom ab. Nach ersten Einsätzen in England zog es den talentierten Darsteller 1997 nach Deutschland, wo er bei der Uraufführung des Musicals „Catharine“ in Aachen auf der Bühne stand.
Schnell folgten große Hauptrollen im deutschsprachigen Raum: Er spielte den Claude in „Hair“ in Bremen, schlüpfte in die Titelrolle von „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ im Essener Colosseum Theater und gab den Tabaluga im Peter-Maffay-Musical in Oberhausen. Sogar als Kronprinz Rudolf im Hit-Musical „Elisabeth“ wusste er in Stuttgart restlos zu überzeugen.
Der gnadenlose Popstars-Hype und das Phänomen Bro’Sis
Der eigentliche, lebensverändernde mediale Knall folgte für Ross Antony jedoch im Jahr 2001. Unter rund 2000 Bewerbern wurde er in der zweiten Staffel der Erfolgsshow „Popstars“ als Teil des Ensembles gecastet. Als Mitglied der Retortenband Bro’Sis wurde der Sänger, neben u.a Giovanni Zarrella, über Nacht vom Theaterschauspieler zum hysterisch umschwärmten Teenie-Idol. Die Debütsingle „I Believe“ schoss in mehreren Ländern auf Platz 1 und machte die Gruppe zu einem der erfolgreichsten Castingprojekte der frühen 2000er-Jahre. Während die meisten seiner damaligen Casting-Kollegen nach dem unausweichlichen Band-Aus im Jahr 2006 relativ zügig in der absoluten Bedeutungslosigkeit verschwanden, schaltete Ross Antony erst richtig in den Angriffsmodus und bewies nachhaltig, dass ein erfolgreiches Leben nach der Castingshow möglich ist.
Vom Dschungelkönig zum unangefochtenen Schlager-Regenten
Den ultimativen Beweis für seine eiserne TV-Tauglichkeit lieferte Ross Antony 2008 im australischen Regenwald. Mit einer perfekten Mischung aus britischer Selbstironie, echten Tränen und einem schier unerschöpflichen Vorrat an Mut krönte sich der Musiker bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zum absoluten Publikumsliebling und Dschungelkönig. Dieser Sieg war die Eintrittskarte in den Olymp der Dauerpräsenz. Ab 2013 stürmte er schließlich die Schlagerwelt. Alben wie „Meine Neue Liebe“, „Goldene Pferde“ und „Tatort Liebe“ eroberten zielstrebig die Charts.
Der Entertainer sammelte Auszeichnungen wie die „Goldene Henne“ oder den „smago! Award“ und bewies eindrucksvoll, dass man auch mit gecoverten Party-Hits und einem sympathisch-chaotischen Akzent ganze Festzelte dominieren kann. Auch als Flamingo bei „The Masked Singer“ (Platz 3 im Jahr 2021) oder als Schauspieler in Formaten wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Rote Rosen“ stellte er sein vielseitiges Talent immer wieder unter Beweis. In seinem Kinodebüt „House of Boys“ wagte sich Ross Antony 2009 in der Rolle des Rick sogar an den tragischen Leidensweg eines AIDS-Kranken und offenbarte unerwartete schauspielerische Tiefe.
Blut, Schweiß und Tränen auf dem Tanzparkett
Dass der Publikumsliebling auch im Jahr 2026 noch bereit ist, bis an seine absoluten körperlichen und emotionalen Grenzen zu gehen, bewies seine hochaktuelle Teilnahme an der 19. Staffel von „Let’s Dance“. An der Seite der russischen Profitänzerin Mariia Maksina legte Ross Antony unter den strengen und wachsamen Augen der Jury rund um Motsi Mabuse, Jorge González und Joachim Llambi eine gnadenlose Achterbahnfahrt hin.
Aus dem anfänglich belächelten Spaßvogel mit mageren 15 Punkten für den Wiener Walzer in der Kennenlernshow wurde von Woche zu Woche ein ernstzunehmender Konkurrent. In Show 6 zeigte er absolute Härte, als er sich während einer Rumba-Drehung eine blutende Verletzung am Auge zuzog – und die anspruchsvolle Choreografie trotz des Schocks und der Schmerzen völlig professionell zu Ende tanzte (24 Punkte).
Der emotionale Höhepunkt folgte in Show 9: Seinen „Magic Moment“ widmete er unter Tränen seinem verstorbenen Vater. Mit einer herzzerreißenden Live-Gesangseinlage zu „Goodbye Papa“ ließ er im Studio kein Auge trocken und erntete für den anschließenden Freestyle überragende 30 Punkte von der Jury. Auch ein glänzender Paso Doble mit 29 Punkten in Show 10 zeugte von der enormen Entwicklung, die Ross Antony durchgemacht hat. Trotz dieser Glanzleistungen endete die intensive Tanzreise völlig überraschend in Show 11. Er verließ das Parkett auf einem dennoch starken vierten Platz und zeigte sich unglaublich dankbar für die persönliche Weiterentwicklung.
Ehemann, Kinder und ein englisches B&B
So schrill, schonungslos offen – wie in Ross Antonys 2007 erschienenen Autobiografie „The Inside Me“ – und dauerpräsent die öffentliche Kunstfigur auch sein mag, so konsequent schützt der 51-Jährige sein Privatleben. Die laute Bühne findet ihr zwingend notwendiges emotionales Gegengewicht in seinem Ehemann, dem Opernsänger Paul Reeves. Seit über 20 Jahren gehen die beiden gemeinsam durchs Leben, seit Ende 2017 sogar mit offiziellem Trauschein. Dass sie ein starkes Team sind, bewiesen sie zuletzt auch körperlich: Gemeinsam speckte das Paar deutlich ab, treibt Sport und stellte den Alltag auf eine durch und durch gesunde Lebensweise um.
Den einstigen gemeinsamen Lebenstraum einer eigenen Bed-and-Breakfast-Pension im englischen Wallingford musste das Duo zwar aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Folgen des Brexits aufgeben und verkaufen, doch das familiäre Glück in Deutschland blieb davon unberührt. In den Jahren 2014 und 2017 adoptierte Ross Antony zusammen mit seinem Mann zwei Kinder, die ganz bewusst und strikt fernab von roten Teppichen und Kameralinsen aufwachsen. Für ihn gilt hier eine eiserne Regel: Die Kinder brauchen absolute Normalität statt Blitzlichtgewitter.
